Schemata
Schulwesen
Art. 7 GGPrüfung der Grundrechte aus Art. 7 GG (Staatlicher Erziehungsauftrag und Privatschulfreiheit)
- A. Staatlicher Erziehungsauftrag, Art. 7 I GG
- I. Normgehalt und Regelungsbereich
Art. 7 I GG stellt das gesamte Schulwesen unter die Aufsicht des Staates; dies umfasst Organisation, Leitung und inhaltliche Gestaltung des Schulwesens als eigenständige staatliche Aufgabe, nicht bloße Rechtsaufsicht.
- II. Verhältnis zum elterlichen Erziehungsrecht (Art. 6 II GG)
Art. 7 I GG und Art. 6 II GG stehen in einem Spannungsverhältnis; beide Normen sind gleichrangig und im Wege praktischer Konkordanz zum Ausgleich zu bringen. Der Staat hat einen eigenständigen, nicht von den Eltern abgeleiteten Erziehungsauftrag.
- 1. Schulpflicht
Die allgemeine Schulpflicht ist verfassungsrechtlich durch Art. 7 I GG gedeckt; sie greift in Art. 6 II GG ein, ist aber durch das staatliche Erziehungsinteresse gerechtfertigt. Häuslicher Unterricht (Homeschooling) ist nach h.M. nicht als gleichwertige Alternative anerkannt (BVerwGE 147, 362).
- 2. Sexualerziehung und Weltanschauungsunterricht
Staatliche Lehrplaninhalte (z.B. Sexualerziehung) sind am Maßstab des Art. 7 I GG i.V.m. Art. 6 II, Art. 4 GG zu messen; ein Opt-out-Recht der Eltern besteht grundsätzlich nicht, sofern der Unterricht sachlich und pluralistisch gestaltet ist (BVerfGE 47, 46).
- III. Religionsunterricht, Art. 7 II, III GG
Art. 7 II GG gewährt den Erziehungsberechtigten das Recht, über die Teilnahme des Kindes am Religionsunterricht zu bestimmen. Art. 7 III GG normiert Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach an öffentlichen Schulen (außer bekenntnisfreien Schulen), das in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt wird.
- 1. Voraussetzungen des Art. 7 III GG
- a. Öffentliche Schule (keine bekenntnisfreie Schule)
- b. Übereinstimmung mit Grundsätzen der Religionsgemeinschaft
Der Staat darf Religionsunterricht nur in Kooperation mit der jeweiligen Religionsgemeinschaft einrichten; er hat kein Recht zur inhaltlichen Bestimmung.
- c. Kein Zwang für Lehrkräfte (Art. 7 III 3 GG)
Kein Lehrer darf gegen seinen Willen zur Erteilung von Religionsunterricht verpflichtet werden.
- 2. Abgrenzung: Ethikunterricht
Ethikunterricht als Ersatzfach für Schüler, die vom Religionsunterricht abgemeldet sind, ist verfassungsrechtlich zulässig; eine Befreiungspflicht besteht nicht (BVerfGE 74, 244).
- B. Privatschulfreiheit, Art. 7 IV GG
- I. Schutzbereich
Art. 7 IV GG gewährleistet das Recht, private Schulen zu errichten. Geschützt ist die Gründung und der Betrieb von Ersatzschulen sowie von Ergänzungsschulen; der Schutzbereich erfasst juristische und natürliche Personen als Schulträger.
- 1. Ersatzschule
Eine Ersatzschule tritt funktional an die Stelle einer entsprechenden öffentlichen Schule (z.B. private Grundschule, Gymnasium). Sie bedarf staatlicher Genehmigung (Art. 7 IV 2 GG).
- 2. Ergänzungsschule
Eine Ergänzungsschule bietet Bildungsangebote, für die es kein öffentliches Gegenstück gibt (z.B. Ballettschule). Sie unterliegt nur der allgemeinen Schulaufsicht, nicht dem Genehmigungsvorbehalt des Art. 7 IV GG.
- 3. Freie Schule (Art. 7 V GG)
Art. 7 V GG erlaubt private Volksschulen nur unter engen Voraussetzungen (besonderes pädagogisches Interesse oder Wunsch der Erziehungsberechtigten nach einer Gemeinschafts-, Bekenntnis- oder Weltanschauungsschule).
- II. Eingriff
Ein Eingriff liegt vor bei Versagung der Genehmigung, Auflagen, Schließungsanordnungen oder sonstigen staatlichen Maßnahmen, die den Betrieb der Privatschule beeinträchtigen.
- III. Verfassungsrechtliche Rechtfertigung
- 1. Genehmigungsvoraussetzungen, Art. 7 IV 3, 4 GG
Die Genehmigung ist zu erteilen, wenn die Privatschule in ihren Lehrzielen und Einrichtungen sowie in der wissenschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrkräfte nicht hinter den öffentlichen Schulen zurücksteht, eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird (Sonderungsverbot) und die wirtschaftliche und rechtliche Stellung der Lehrkräfte genügend gesichert ist.
- a. Gleichwertigkeit (nicht Gleichartigkeit)
Die Privatschule muss in Lehrzielen und Einrichtungen gleichwertig, nicht gleichartig sein; pädagogische Eigenständigkeit ist gerade Zweck der Privatschulfreiheit.
- b. Sonderungsverbot
Das Sonderungsverbot untersagt eine Schulgeldgestaltung, die faktisch Kinder aus einkommensschwachen Familien ausschließt. Nach h.M. (BVerfGE 90, 107) folgt daraus ein Anspruch auf staatliche Finanzhilfe, wenn die Privatschule ohne Förderung nicht existenzfähig wäre.
- c. Sicherung der Lehrerstellung
Gehalt und soziale Absicherung der Lehrkräfte müssen denen an vergleichbaren öffentlichen Schulen entsprechen.
- 2. Staatliche Finanzhilfe (Existenzgarantie)
Art. 7 IV GG enthält nach h.M. (BVerfGE 90, 107) eine institutionelle Garantie des Privatschulwesens; der Staat ist verpflichtet, das Privatschulwesen durch Finanzhilfe zu sichern, wenn es ohne staatliche Förderung in seinem Bestand gefährdet wäre. Ein subjektives Recht auf eine bestimmte Förderungshöhe besteht hingegen nicht.
- 3. Verhältnismäßigkeit staatlicher Auflagen
Staatliche Auflagen (z.B. Lehrplanbindung, Prüfungsordnungen) müssen verhältnismäßig sein; sie dürfen die pädagogische Eigenständigkeit der Privatschule nicht aushöhlen.
- C. Konkurrenzen und Gesamtergebnis
- I. Verhältnis Art. 7 GG zu anderen Grundrechten
Art. 7 GG ist lex specialis gegenüber Art. 12 I GG für den Bereich des Schulwesens; Art. 4 GG (Religionsfreiheit) und Art. 3 III GG (Diskriminierungsverbot) sind ergänzend heranzuziehen.
- II. Ergebnis
Eine staatliche Maßnahme im Schulwesen ist verfassungsgemäß, wenn sie den Anforderungen des Art. 7 GG genügt, insbesondere die Genehmigungsvoraussetzungen des Art. 7 IV GG beachtet und das Sonderungsverbot sowie die Existenzgarantie des Privatschulwesens wahrt.