Schemata
Menschenwürde
Art. 1 I GGVerletzung der Menschenwürde gem. Art. 1 I GG
- I. Schutzbereich
Art. 1 I GG schützt die Würde jedes Menschen als oberstes Konstitutionsprinzip der Verfassung; der Schutzbereich ist nicht abschließend definiert, wird aber durch die Objektformel konkretisiert.
- 1. Persönlicher Schutzbereich
Jeder Mensch ab Beginn des Lebens (str. für nasciturus und Verstorbene); juristische Personen sind grds. nicht erfasst (Art. 19 III GG greift nicht).
- 2. Sachlicher Schutzbereich
Geschützt ist der soziale Wert- und Achtungsanspruch des Menschen; umfasst insb. Identität, Integrität und Subjektstellung des Individuums.
- a. Objektformel (h.M.)
Nach der Objektformel (BVerfGE 9, 89; 27, 1) ist die Menschenwürde verletzt, wenn der Mensch zum bloßen Objekt staatlichen Handelns herabgewürdigt wird, d.h. wenn er einer Behandlung ausgesetzt wird, die seine Subjektqualität grundsätzlich in Frage stellt.
- b. Leistungsdimension
Art. 1 I 2 GG verpflichtet den Staat auch zum aktiven Schutz der Menschenwürde gegenüber Beeinträchtigungen durch Dritte (Schutzpflicht).
- c. Anerkannte Fallgruppen
Folter, erniedrigende Behandlung, totale Überwachung (Lauschangriff im Kernbereich), Instrumentalisierung des Menschen als Mittel zum Zweck (z.B. Abschuss eines Passagierflugzeugs, § 14 III LuftSiG a.F.).
Str.: Ob Lebensschutz (Embryo, Sterbehilfe) stets von Art. 1 I GG erfasst ist, ist umstritten; h.M. bejaht Schutz ab Nidation.
- II. Eingriff
Jede staatliche Maßnahme, die den Schutzbereich der Menschenwürde beeinträchtigt; mangels Schranken ist jede Beeinträchtigung zugleich Verletzung – eine Verhältnismäßigkeitsprüfung findet nicht statt.
- 1. Unmittelbare Beeinträchtigung
Staatliches Handeln, das den Menschen direkt in seiner Würde trifft (z.B. Folter, Demütigung, Totalüberwachung des Kernbereichs privater Lebensgestaltung).
- 2. Mittelbare Beeinträchtigung / Schutzpflicht
Unterlassen des Staates, obwohl er zum Schutz vor Würdeverletzungen durch Private verpflichtet ist (Art. 1 I 2 GG).
- 3. Abgrenzung: Schwere der Beeinträchtigung
Nicht jede Unannehmlichkeit verletzt Art. 1 I GG; erforderlich ist eine Behandlung, die Ausdruck der Missachtung des Eigenwerts der Person ist (qualitative Schwelle).
Str.: Teile der Literatur fordern zusätzlich eine subjektive Demütigungsabsicht; h.M. (BVerfG) stellt allein auf den objektiven Erklärungswert der Maßnahme ab.
- III. Verfassungsrechtliche Rechtfertigung
Art. 1 I GG ist schrankenlos und schrankenresistent; eine Rechtfertigung von Eingriffen ist ausgeschlossen (absoluter Schutz, Art. 79 III GG i.V.m. Art. 1 I GG).
- 1. Keine Schranken
Art. 1 I GG enthält keinen Gesetzesvorbehalt; auch kollidierendes Verfassungsrecht (z.B. Art. 2 II, Art. 14 GG) kann einen Eingriff nicht rechtfertigen.
- 2. Ewigkeitsgarantie, Art. 79 III GG
Die Unantastbarkeit der Menschenwürde ist einer Verfassungsänderung entzogen; sie bildet den absoluten Kern der Verfassungsordnung.
- 3. Konsequenz: Eingriff = Verletzung
Liegt ein Eingriff in den Schutzbereich des Art. 1 I GG vor, ist dieser stets und ohne weitere Abwägung verfassungswidrig; eine Verhältnismäßigkeitsprüfung entfällt.
- 4. Abgrenzung zu Art. 2 I GG (allg. Persönlichkeitsrecht)
Soweit eine Maßnahme die Würde nicht in ihrem Kern trifft, ist Art. 2 I GG als lex generalis heranzuziehen, der einer Verhältnismäßigkeitsprüfung zugänglich ist; Art. 1 I GG ist nur bei Überschreitung der qualitativen Schwelle einschlägig.
- IV. Ergebnis
Liegt ein Eingriff in den Schutzbereich des Art. 1 I GG vor, ist die Menschenwürde verletzt; eine Rechtfertigung scheidet aus. Die staatliche Maßnahme ist verfassungswidrig.