Schemata
Klagebefugnis
§ 42 II VwGOKlagebefugnis gem. § 42 II VwGO – Möglichkeit der Verletzung eigener Rechte
- I. Grundsatz der Klagebefugnis
§ 42 II VwGO verlangt, dass der Kläger geltend macht, durch den Verwaltungsakt oder die Ablehnung/Unterlassung in eigenen Rechten verletzt zu sein (Möglichkeitstheorie). Die Verletzung muss möglich, d.h. nicht von vornherein offensichtlich und eindeutig ausgeschlossen sein.
- II. Adressatentheorie (bei belastenden VA)
Ist der Kläger Adressat eines belastenden Verwaltungsakts, folgt die Klagebefugnis regelmäßig unmittelbar aus der möglichen Verletzung der allgemeinen Handlungsfreiheit (Art. 2 I GG). Eine weitere Prüfung erübrigt sich in aller Regel.
- III. Schutznormtheorie (bei Drittbetroffenen und Verpflichtungsbegehren)
Ist der Kläger nicht Adressat, richtet sich die Klagebefugnis nach der Schutznormtheorie: Die verletzte Norm muss zumindest auch dem Schutz individueller Interessen des Klägers dienen und nicht ausschließlich dem öffentlichen Interesse.
- 1. Ermittlung der einschlägigen Norm
Ausgangspunkt ist die materiell-rechtliche Norm, auf die der Kläger sein Begehren stützt (z.B. Vorschrift des Baurechts, Immissionsschutzrechts, Beamtenrechts).
- 2. Schutznormqualität
Die Norm muss einen bestimmten, abgrenzbaren Personenkreis schützen (Individualschutz). Maßgeblich sind Wortlaut, Systematik, Entstehungsgeschichte und Zweck der Norm (teleologische Auslegung).
- a. Drittschützende Normen
Normen sind drittschützend, wenn sie neben dem öffentlichen Interesse erkennbar auch Individualinteressen eines bestimmten Personenkreises schützen (z.B. § 5 I Nr. 1 BImSchG, nachbarschützende Vorschriften des Bauordnungsrechts).
- b. Nicht drittschützende Normen
Rein im öffentlichen Interesse stehende Normen (z.B. allgemeine Ordnungsvorschriften ohne individualschützenden Charakter) begründen keine Klagebefugnis Dritter. Klagebefugnis ist dann zu verneinen.
- c. Grundrechte als Schutznormen
Subsidiär können Grundrechte (insb. Art. 2 I, 14 I GG) als Schutznormen herangezogen werden, wenn einfachgesetzliche Normen keinen hinreichenden Drittschutz vermitteln, aber eine Grundrechtsverletzung möglich erscheint.
- 3. Abgrenzbare Betroffenheit des Klägers
Der Kläger muss zum geschützten Personenkreis gehören und individuell betroffen sein; eine bloß faktische oder reflexartige Begünstigung genügt nicht.
- IV. Möglichkeitstheorie – Prüfungsmaßstab
Es genügt, dass die Rechtsverletzung möglich erscheint; eine offensichtliche und eindeutige Unmöglichkeit der Rechtsverletzung schließt die Klagebefugnis aus (h.M., st. Rspr. BVerwG). Eine abschließende Prüfung der Rechtsverletzung erfolgt erst in der Begründetheit.
- V. Sonderfälle
- 1. Untätigkeitsklage (§ 75 VwGO)
Bei der Untätigkeitsklage ist § 42 II VwGO entsprechend anzuwenden; der Kläger muss geltend machen, durch die Untätigkeit der Behörde in eigenen Rechten verletzt zu sein.
- 2. Normenkontrolle (§ 47 VwGO)
§ 47 II 1 VwGO enthält eine eigenständige Antragsbefugnis (Möglichkeit der Rechtsverletzung durch die Norm); § 42 II VwGO gilt nicht unmittelbar, aber die Schutznormtheorie wird entsprechend herangezogen.
Anerkannte Verbandsklagen (z.B. § 2 UmwRG) durchbrechen das Erfordernis eigener Rechtsverletzung; § 42 II VwGO wird insoweit durch Spezialgesetz verdrängt.
- VI. Ergebnis
Ist die Möglichkeit einer Verletzung eigener Rechte zu bejahen, ist die Klagebefugnis gegeben. Andernfalls ist die Klage als unzulässig abzuweisen.