Schemata
Grundrechtsberechtigung juristischer Personen
Art. 19 III GGGrundrechtsberechtigung juristischer Personen gem. Art. 19 III GG
- I. Anwendbarkeit von Art. 19 III GG dem Grunde nach
Art. 19 III GG erstreckt die Grundrechte auf inländische juristische Personen, soweit sie ihrem Wesen nach auf diese anwendbar sind.
- 1. Juristische Person des Privatrechts
Alle privatrechtlich organisierten Personenvereinigungen (AG, GmbH, e.V., GbR nach h.M.) sind grundsätzlich taugliche Grundrechtsträger i.S.d. Art. 19 III GG.
Juristische Personen des öffentlichen Rechts sind grundsätzlich nicht grundrechtsberechtigt, da sie selbst Teil der staatlichen Gewalt sind (sog. Konfusionsargument, BVerfGE 21, 362). Ausnahme: soweit sie unmittelbar einem durch ein Grundrecht geschützten Lebensbereich zugeordnet sind (z.B. Rundfunkanstalten – Art. 5 I 2 GG; Universitäten – Art. 5 III GG; Kirchen – Art. 4 GG).
- 3. Gemischt-wirtschaftliche Unternehmen
Bei staatlicher Mehrheitsbeteiligung ist die Grundrechtsberechtigung nach h.M. (BVerfGE 128, 226 – Fraport) zu verneinen, wenn das Unternehmen staatliche Aufgaben wahrnimmt und der Staat beherrschenden Einfluss ausübt; a.A. stellt allein auf die Rechtsform ab.
Art. 19 III GG setzt Inländereigenschaft voraus. Inländisch ist eine juristische Person, die ihren Sitz im Geltungsbereich des Grundgesetzes hat.
- 1. Sitz im Inland
Maßgeblich ist der satzungsmäßige oder tatsächliche Verwaltungssitz im Bundesgebiet.
- 2. Unionsrechtliche Erweiterung
Nach der Rechtsprechung des BVerfG (BVerfGE 129, 78 – Beschwerdeführerin aus EU-Mitgliedstaat) sind juristische Personen mit Sitz in einem anderen EU-Mitgliedstaat inländischen juristischen Personen gleichzustellen, soweit das Unionsrecht dies gebietet (Art. 18, 54 AEUV).
- III. Wesensgemäßheit des Grundrechts
Das jeweilige Grundrecht muss seinem Wesen nach auf juristische Personen anwendbar sein (Art. 19 III GG a.E.). Maßgeblich ist, ob das Grundrecht einen Schutzgehalt aufweist, der auch kollektiv oder organisationsbezogen verwirklicht werden kann.
- 1. Grundsätzlich anwendbare Grundrechte
Wesensgemäß anwendbar sind insbesondere: Art. 2 I GG (allgemeine Handlungsfreiheit), Art. 3 I GG (allgemeiner Gleichheitssatz), Art. 8 GG (Versammlungsfreiheit, str.), Art. 9 GG (Vereinigungsfreiheit), Art. 12 GG (Berufsfreiheit), Art. 14 GG (Eigentumsgarantie), Art. 101, 103 GG (prozessuale Grundrechte).
- 2. Nicht anwendbare Grundrechte
Nicht wesensgemäß anwendbar sind höchstpersönliche Grundrechte, die an die Menschenwürde oder die physische Existenz des Menschen anknüpfen: Art. 1 I GG (Menschenwürde), Art. 2 II GG (Leben und körperliche Unversehrtheit), Art. 4 GG (Gewissensfreiheit, str. – Ausnahme: Religionsgemeinschaften), Art. 6 GG (Ehe und Familie), Art. 16 GG (Staatsangehörigkeit).
- 3. Durchgriffsthese (Sonderproblem)
Nach der Durchgriffsthese des BVerfG kann Art. 19 III GG auch dann eingreifen, wenn hinter der juristischen Person ausschließlich natürliche Personen stehen, deren Grundrechtsschutz andernfalls leerliefe (BVerfGE 61, 82 – Sasbach). Die Anwendung ist auf Ausnahmefälle beschränkt.
- IV. Ergebnis
Liegen Inländereigenschaft, privatrechtliche (oder ausnahmsweise öffentlich-rechtliche) Organisationsform und Wesensgemäßheit des betroffenen Grundrechts vor, ist die juristische Person grundrechtsberechtigt i.S.d. Art. 19 III GG.