Schemata
Enteignender Eingriff
Art. 14 GG (richterrechtlich)Entschädigungsanspruch aus enteignendem Eingriff (Art. 14 GG i.V.m. richterrechtlichem Aufopferungsgedanken analog §§ 74, 75 EinlALR)
- A. Zulässigkeit
- I. Rechtsweg
Für Ansprüche aus enteignendem Eingriff ist nach h.M. der ordentliche Rechtsweg gem. Art. 14 III 4 GG analog, § 40 I VwGO eröffnet; zuständig sind die Zivilgerichte (BGH).
- II. Zuständigkeit
Sachlich zuständig ist das Landgericht (§ 71 GVG), örtlich das Gericht am Belegenheitsort des betroffenen Grundstücks bzw. allgemeiner Gerichtsstand des Beklagten.
- III. Passivlegitimation (Beklagter)
Anspruchsgegner ist der Träger öffentlicher Gewalt, dessen rechtmäßige Maßnahme den atypischen Sonderopferschaden verursacht hat; in der Regel die Körperschaft, der die handelnde Behörde angehört.
- B. Begründetheit
- I. Anspruchsgrundlage
Der enteignende Eingriff ist ein richterrechtlich entwickelter Aufopferungsanspruch für atypische, unvorhergesehene Nebenfolgen rechtmäßiger hoheitlicher Maßnahmen, die dem Betroffenen ein Sonderopfer auferlegen; Rechtsgrundlage ist Art. 14 GG i.V.m. dem allgemeinen Aufopferungsgedanken (§§ 74, 75 EinlALR analog).
- II. Tatbestandsvoraussetzungen
- 1. Eingriff in eine eigentumsrechtlich geschützte Position
Es muss eine von Art. 14 I GG geschützte Rechtsposition betroffen sein: Eigentum an Sachen, vermögenswerte Rechte, eingerichteter und ausgeübter Gewerbebetrieb (str., h.M. bejahend).
- a. Schutzbereich Art. 14 I GG
Alle vermögenswerten Rechte, die dem Berechtigten von der Rechtsordnung als ihm zugeordnet zugewiesen sind; insbesondere Sacheigentum, beschränkte dingliche Rechte, Forderungen.
- b. Eingerichteter und ausgeübter Gewerbebetrieb
H.M. (BGH): Schutz des Gewerbebetriebs als Einheit, soweit der Eingriff betriebsbezogen ist und nicht nur den Betrieb mittelbar trifft; a.A.: kein eigenständiges Schutzgut neben §§ 823 ff. BGB.
- 2. Hoheitlicher Eingriff
Eine Maßnahme eines Trägers öffentlicher Gewalt (Verwaltungsakt, Realakt, Unterlassen) muss unmittelbar auf die geschützte Eigentumsposition einwirken; mittelbare Reflexwirkungen genügen grundsätzlich nicht.
- a. Unmittelbarkeit
Der Schaden muss adäquat-kausal und ohne wesentliche Zwischenursache aus der hoheitlichen Maßnahme resultieren; bloße Marktreflexe oder allgemeine Lageänderungen scheiden aus.
- b. Abgrenzung zum enteignungsgleichen Eingriff
Enteignender Eingriff: Eingriff ist rechtmäßig, Schaden ist atypische Nebenfolge. Enteignungsgleicher Eingriff: Eingriff ist rechtswidrig. Beide Rechtsinstitute stehen nebeneinander (BGH st. Rspr.).
- 3. Rechtmäßigkeit des Eingriffs
Die hoheitliche Maßnahme muss formell und materiell rechtmäßig sein; andernfalls kommt nur der enteignungsgleiche Eingriff oder Amtshaftung (§ 839 BGB i.V.m. Art. 34 GG) in Betracht.
- 4. Atypische, unvorhergesehene Sonderopferfolge
Der Schaden muss eine atypische, vom Normgeber oder handelnden Hoheitsträger nicht vorhergesehene und nicht gewollte Nebenfolge der rechtmäßigen Maßnahme sein; typische, vorhersehbare Folgen sind durch die Primärmaßnahme abgedeckt oder durch Spezialregelungen zu entschädigen.
- a. Atypizität
Der Schaden liegt außerhalb des von der Maßnahme typischerweise betroffenen Personenkreises oder übersteigt das allgemeine Lebensrisiko erheblich.
- b. Sonderopfer
Der Betroffene wird im Vergleich zu anderen Eigentümern in besonderer Weise und über das zumutbare Maß hinaus belastet; Abgrenzung nach Schwere und Tragweite des Eingriffs (Sonderopfertheorie, BGH).
- c. Abgrenzung zur Sozialbindung (Art. 14 II GG)
Bloße Inhalts- und Schrankenbestimmungen (Art. 14 I 2 GG), die das Eigentum sozialgebunden ausgestalten, begründen keinen Entschädigungsanspruch; erst das Überschreiten der Zumutbarkeitsschwelle löst Entschädigungspflicht aus.
- 5. Kausalität
Zwischen dem hoheitlichen Eingriff und dem eingetretenen Vermögensschaden muss ein adäquater Kausalzusammenhang bestehen; der Schaden muss gerade auf der hoheitlichen Maßnahme beruhen.
- 6. Kein Ausschluss durch Spezialregelung
Der Anspruch ist subsidiär gegenüber spezialgesetzlichen Entschädigungsregelungen (z.B. §§ 93 ff. BauGB, §§ 38 ff. WHG, BImSchG-Regelungen); besteht eine abschließende Sonderregelung, ist der richterrechtliche Anspruch ausgeschlossen.
- III. Rechtsfolge: Entschädigung
- 1. Umfang der Entschädigung
Entschädigt wird der durch den atypischen Eingriff verursachte Vermögensschaden; maßgeblich ist der Ausgleich des Sonderopfers, nicht notwendig der volle Verkehrswert; Orientierung an Art. 14 III 3 GG (gerechte Abwägung).
H.M. (BGH): angemessene Entschädigung in Geld; keine Naturalrestitution; Bemessung nach dem Ausmaß des Sonderopfers und dem Verkehrswert der beeinträchtigten Position.
- 3. Mitverschulden (§ 254 BGB analog)
Ein Mitverschulden des Betroffenen ist anspruchsmindernd zu berücksichtigen (§ 254 BGB analog), insbesondere wenn zumutbare Schutzmaßnahmen unterlassen wurden.
- 4. Verjährung
Der Anspruch verjährt nach den allgemeinen zivilrechtlichen Vorschriften (§§ 195, 199 BGB: regelmäßige Verjährungsfrist von drei Jahren ab Kenntnis).
- IV. Ergebnis
Liegen alle Tatbestandsvoraussetzungen vor, hat der Betroffene einen Entschädigungsanspruch gegen den zuständigen Hoheitsträger aus enteignendem Eingriff in der festzustellenden Höhe.